Wasserknappheit war lange vor allem ein Umwelt- und Landwirtschaftsthema. Für Unternehmen entwickelt sie sich jedoch zunehmend zu einem strategischen Risiko. Sinkende Wasserstände, ausgetrocknete Flüsse und häufigere Dürreperioden können Produktion, Energieversorgung und Transport beeinträchtigen. Damit wird Wasser zu einem Faktor, den auch Supply-Chain-Manager in ihre Risikoanalysen einbeziehen müssen.
Wenn Wasser zum Produktionsfaktor wird
Viele industrielle Prozesse sind unmittelbar auf Wasser angewiesen. Es wird zur Kühlung von Maschinen und Anlagen eingesetzt, ist Bestandteil chemischer und pharmazeutischer Prozesse oder wird für Reinigung, Dampferzeugung und die Herstellung von Produkten benötigt. Auch die Landwirtschaft, die Lebensmittelindustrie und zahlreiche Zulieferer sind in hohem Masse von einer zuverlässigen Wasserversorgung abhängig.
Das Problem: Wasser ist regional verfügbar – und damit auch regional knapp. Ein Unternehmen kann seinen eigenen Standort gut mit Wasser versorgen und trotzdem von einem Engpass betroffen sein, wenn ein wichtiger Lieferant in einer trockenen Region produziert. Genau hier entsteht eine Verbindung zwischen Klimarisiko und Supply Chain Management.
Besonders kritisch wird es, wenn mehrere Lieferanten eines Unternehmens von derselben Wasserquelle oder derselben Region abhängig sind. Ein Produktionsausfall bei einem einzelnen Zulieferer lässt sich unter Umständen kompensieren. Wenn jedoch eine ganze Region betroffen ist, können kurzfristig kaum alternative Kapazitäten gefunden werden.
Für Unternehmen bedeutet das, Wasserknappheit nicht nur als ökologisches Problem zu betrachten, sondern als Bestandteil des betrieblichen Risikomanagements.
Dürre kann die gesamte Lieferkette treffen
Die Auswirkungen von Trockenheit beschränken sich nicht auf Produktionsanlagen. Auch Transport und Logistik können betroffen sein. Niedrige Wasserstände können beispielsweise die Binnenschifffahrt einschränken. Dadurch sinken die möglichen Ladungsmengen, Transporte werden langsamer oder müssen auf andere Verkehrsträger verlagert werden.
Das kann erhebliche Konsequenzen haben. Wird ein Transport vom Schiff auf die Strasse verlagert, steigen unter Umständen Kosten und CO₂-Emissionen. Gleichzeitig können zusätzliche Lkw-Kapazitäten erforderlich werden, die nicht kurzfristig verfügbar sind. Aus einem zunächst regionalen Umweltproblem entsteht so ein logistisches Problem mit Auswirkungen auf die gesamte Lieferkette.
Auch Energieversorgung und Industrieproduktion können betroffen sein. Wasserkraftwerke benötigen ausreichende Wasserstände, während thermische Kraftwerke und industrielle Anlagen Wasser zur Kühlung benötigen. Trockenperioden können deshalb nicht nur einzelne Unternehmen, sondern ganze Wirtschaftsregionen unter Druck setzen.
Für Supply-Chain-Verantwortliche stellt sich damit eine neue Frage: Nicht nur «Wo produziert unser Lieferant?», sondern auch «Wie abhängig ist dieser Standort von einer stabilen Wasserversorgung?».
Wasser gehört in die Lieferantenanalyse
Viele Unternehmen kennen ihre wichtigsten Lieferanten, wissen aber deutlich weniger über deren Abhängigkeit von natürlichen Ressourcen. Bei der Bewertung von Lieferanten stehen häufig Preise, Qualität, Lieferzeiten, finanzielle Stabilität und geopolitische Risiken im Vordergrund. Wasserknappheit wird dagegen noch nicht überall systematisch berücksichtigt.
Das könnte sich ändern. Unternehmen können zunächst analysieren, welche Lieferanten besonders wasserintensive Prozesse betreiben und in welchen Regionen diese Produktionsstätten liegen. Anschliessend lässt sich bewerten, wie hoch die Abhängigkeit von einzelnen Standorten, Wasserquellen oder lokalen Infrastrukturen ist.
Dabei geht es nicht darum, jeden Lieferanten mit zusätzlichen bürokratischen Anforderungen zu belasten. Sinnvoller ist eine Priorisierung: Welche Materialien sind für die eigene Produktion unverzichtbar? Welche Zulieferer können nicht kurzfristig ersetzt werden? Gibt es alternative Produktionsstandorte? Und wie lange könnte das Unternehmen einen Ausfall überbrücken?
Gerade bei strategischen Rohstoffen und Komponenten kann diese Analyse entscheidend sein. Ein Lieferant muss nicht insolvent sein, um auszufallen. Es kann genügen, dass seine Produktion wegen fehlender Wassermengen zeitweise eingeschränkt werden muss.
Resilienz beginnt mit Alternativen
Die wichtigste Konsequenz für das Supply Chain Management lautet deshalb: Unternehmen müssen ihre Abhängigkeiten kennen und Alternativen vorbereiten. Dazu gehören mehrere Lieferanten, geografisch verteilte Produktionsstandorte und ausreichende Sicherheitsbestände für besonders kritische Materialien.
Auch die Lieferanten selbst können Teil der Lösung sein. Unternehmen können beispielsweise prüfen, welche Massnahmen zur Wassereinsparung, Kreislaufführung und Wiederverwendung von Prozesswasser umgesetzt werden. Moderne Aufbereitungsanlagen können den Frischwasserbedarf reduzieren. Geschlossene Wasserkreisläufe ermöglichen es, Wasser mehrfach zu verwenden, statt es nach einem einzigen Produktionsschritt abzuführen.
Für das Management entsteht daraus eine doppelte Aufgabe. Einerseits müssen Unternehmen ihre eigenen Produktionsprozesse widerstandsfähiger gegen Wasserknappheit machen. Andererseits müssen sie die Risiken entlang der gesamten Lieferkette verstehen.
Dabei gewinnt auch die Frage der Standortwahl an Bedeutung. Ein Produktionsstandort mit günstigen Energiepreisen und guter Verkehrsanbindung kann langfristig weniger attraktiv sein, wenn die regionale Wasserversorgung zunehmend unsicher wird. Investitionsentscheidungen müssen deshalb stärker auf langfristige Umwelt- und Klimarisiken ausgerichtet werden.
Vom Umweltthema zum Managementthema
Wasser wird damit zu einem Beispiel dafür, wie sich Nachhaltigkeit und Risikomanagement immer stärker überschneiden. Für Unternehmen reicht es nicht mehr aus, den eigenen Wasserverbrauch zu messen. Entscheidend ist zunehmend die Frage, welche Bedeutung Wasser für die Stabilität der gesamten Wertschöpfungskette besitzt.
Das gilt insbesondere für global organisierte Unternehmen. Je weiter Lieferketten reichen, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass einzelne Produktionsstandorte unterschiedlichen klimatischen Bedingungen und Wasserverfügbarkeiten ausgesetzt sind. Gleichzeitig können globale Beschaffungsstrukturen die Suche nach alternativen Lieferanten erschweren, wenn bestimmte Materialien oder Komponenten nur an wenigen Standorten hergestellt werden.
Trockenheit ist deshalb längst nicht mehr nur eine Frage des Umweltschutzes. Sie kann Produktionskosten erhöhen, Transporte verteuern, Lieferzeiten verlängern und die Verfügbarkeit von Produkten beeinträchtigen. Unternehmen, die diese Zusammenhänge frühzeitig erkennen, können ihre Lieferketten gezielter absichern.
Für das Supply Chain Management bedeutet das einen Perspektivenwechsel: Neben Lieferanten, Transportwegen, Lagerbeständen und geopolitischen Risiken muss zunehmend auch die Verfügbarkeit natürlicher Ressourcen betrachtet werden. Wasser wird damit zu einem strategischen Faktor – und zu einem Risiko, das Unternehmen nicht erst dann analysieren sollten, wenn der erste Lieferant seine Produktion stoppen muss.









