Strassenverkehr im Wandel: Zwischen Klimazielen und Wirtschaftsrealität

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Die Verkehrswende soll Emissionen senken, ohne Mobilität und Wirtschaft auszubremsen. Doch mehr Verkehrsteilnehmer, knapper Strassenraum und steigende Kosten machen dieses Ziel zunehmend anspruchsvoll.

Symbolbild, Raphael Gasser

Netto-Null als grosse Herausforderung

Die Schweiz hat sich ein ambitioniertes Ziel gesetzt: Bis 2050 sollen die Treibhausgasemissionen auf Netto-Null sinken. Bis 2030 müssen sie gegenüber 1990 um mindestens 50 Prozent reduziert werden. Auch die Europäische Union verfolgt einen vergleichbaren Weg: mindestens 55 Prozent weniger Nettoemissionen bis 2030 und Klimaneutralität bis 2050. Für neue Pkw und leichte Nutzfahrzeuge sieht die EU zudem vor, dass sie ab 2035 emissionsfrei sein sollen. (⁠Bundesamt für Umwelt)
Das Ziel ist klar, der Weg dorthin weniger einfach. Denn der Strassenverkehr lässt sich nicht allein durch den Austausch von Verbrennungsmotoren gegen Elektroantriebe verändern. Menschen müssen weiterhin zur Arbeit gelangen, Waren müssen transportiert und Städte beliefert werden. Gleichzeitig wächst die Zahl unterschiedlicher Verkehrsteilnehmer. Damit wird die Verkehrswende zunehmend zu einer Frage von Kosten, Infrastruktur und Flächenverteilung.

Klimaschutz darf nicht zur Wirtschaftsfalle werden

Gerade in wirtschaftlich angespannten Zeiten stellt sich deshalb die Frage nach der finanziellen Belastung des Wandels. Der Krieg in der Ukraine und die Konflikte im Nahen Osten haben die Unsicherheit bei Energieversorgung und Energiepreisen verstärkt. Für Unternehmen kommen Investitionen in emissionsarme Fahrzeuge, Ladeinfrastruktur und neue Logistiklösungen zu ohnehin hohen Kosten hinzu. Klimaschutz darf deshalb nicht dazu führen, dass Transporte und Mobilität so teuer werden, dass die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen leidet. Entscheidend wird sein, Emissionen zu reduzieren und gleichzeitig Lösungen zu schaffen, die technisch machbar, wirtschaftlich tragbar und langfristig planbar sind. Gerade für die Logistik gilt: Eine klimafreundlichere Mobilität muss nicht nur sauberer, sondern auch bezahlbar und zuverlässig sein.

Die Strasse wird zum Nadelöhr

Schon heute stösst das System an seine Grenzen. 2025 wurden auf den Schweizer Nationalstrassen 30,3 Milliarden Fahrzeugkilometer und 68 040 Staustunden registriert – beides Rekordwerte. Obwohl die Nationalstrassen nur rund drei Prozent des gesamten Schweizer Strassennetzes ausmachen, bewältigen sie rund 45 Prozent des Verkehrs.
Für Unternehmen ist das mehr als ein Ärgernis. Staus verlängern Fahrzeiten, erschweren die Planung von Lieferfenstern und erhöhen den Aufwand für Fahrzeuge und Personal. Für die Logistik ist eine Strasse deshalb vor allem dann wertvoll, wenn sie zuverlässig funktioniert.

Auto, Velo, E-Bike und Scooter

Gleichzeitig verändert sich die Zusammensetzung des Verkehrs. Neben Autos und Motorrädern sind mehr Velos und E-Bikes unterwegs. Hinzu kommen E-Scooter, Skater und weitere Formen der Mikromobilität. Sie alle benötigen Raum und bewegen sich mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten.
Damit verschärft sich die Konkurrenz um die vorhandene Fläche. Ein sicherer Veloweg benötigt Platz, eine übersichtliche Kreuzung ebenfalls. Busse brauchen Haltestellen und teilweise eigene Fahrspuren, Lieferfahrzeuge müssen anhalten können und Fussgänger sichere Querungsmöglichkeiten erhalten. Der Strassenraum wächst jedoch nicht mit.

Neue Verkehrsteilnehmer, neue Unfallrisiken

Wo unterschiedliche Verkehrsmittel auf engem Raum zusammentreffen, entstehen neue Konflikte. Besonders an Kreuzungen und Übergängen können grosse Geschwindigkeitsunterschiede problematisch werden. 2025 kamen in der Schweiz 214 Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben, 3935 wurden schwer verletzt.
Die Lösung kann nicht darin bestehen, einen Verkehrsteilnehmer gegen einen anderen auszuspielen. Entscheidend sind übersichtliche Verkehrsführungen, sichere Kreuzungen und eine Infrastruktur, die Fehler möglichst verzeiht.

Der Lkw, den niemand einfach ersetzen kann

Beim Güterverkehr ist der Zielkonflikt besonders deutlich. Lkw verursachen Emissionen, sind aber für Industrie, Handel und Versorgung unverzichtbar. Rohstoffe, Lebensmittel, Ersatzteile und Maschinen müssen transportiert werden.
Elektrische Lastwagen können zunehmend Aufgaben übernehmen. Reichweite, Ladezeiten, Fahrzeuggewicht, Anschaffungskosten und die notwendige Infrastruktur setzen jedoch Grenzen. Auch eine Verlagerung auf andere Verkehrsträger ist nicht für jeden Transport möglich. Der Strassenverkehr wird deshalb auch künftig eine zentrale Rolle in der Logistik spielen.

Die Lieferwagenflut

Auch die letzte Meile verändert den Verkehr. Onlinehandel und immer individuellere Lieferungen führen zu zahlreichen einzelnen Zustellungen. Gleichzeitig entstehen neue Lösungen: Lastenvelos übernehmen teilweise Transporte, die früher mit Lieferwagen durchgeführt wurden, und Mikrodepots können Wege verkürzen.
Doch auch diese Lösungen benötigen Fläche. Lieferwagen brauchen Haltezonen, Lastenvelos Abstell- und Umschlagflächen und Mikrodepots geeignete Standorte. Was im grossen Verkehrsnetz klein erscheint, kann in einer dicht bebauten Innenstadt schnell zum Problem werden.

Weniger Abgase, aber nicht weniger Platz

Elektromobilität kann die direkten Abgasemissionen während des Betriebs reduzieren. Sie löst aber das Flächenproblem nicht. Ein Elektroauto benötigt beim Fahren und Parkieren grundsätzlich nicht weniger Platz als ein vergleichbares Fahrzeug mit Verbrennungsmotor.
Gleichzeitig müssen Ladeplätze geschaffen, Velowege ausgebaut und Abstellflächen für E-Bikes und Scooter bereitgestellt werden. Auch Lieferzonen müssen freigehalten werden. Die Umstellung auf emissionsärmere Mobilität kann deshalb den Druck auf den ohnehin knappen Strassen- und Stadtraum sogar erhöhen. Klimapolitik wird damit auch zur Flächenpolitik.

Wem gehört der Strassenraum?

Diese Frage wird künftig wichtiger. Soll eine Fahrspur dem Auto, dem öffentlichen Verkehr oder dem Veloverkehr dienen? Wie viel Platz braucht die Logistik? Wo können Autos parkiert und Elektrofahrzeuge geladen werden? Und wie viel Raum soll für Fussgänger und Aufenthaltsflächen bleiben?
Eine einfache Antwort gibt es nicht. Die Strasse erfüllt gleichzeitig wirtschaftliche, soziale und ökologische Funktionen. Für den Pendler ist sie Verkehrsweg, für den Lastwagen eine wichtige Logistikroute, für den Anwohner Teil seines Wohnumfelds und für den Velofahrer ein Weg zur Arbeit.

Blitzer: Sicherheit oder falsche Prioritäten?

Auch die Geschwindigkeit bleibt ein umstrittenes Thema. Geschwindigkeitskontrollen sollen die Einhaltung der Regeln fördern und sind Teil der Verkehrssicherheitsstrategie. Gleichzeitig wird diskutiert, wo Kontrollen den grössten Sicherheitsgewinn bringen und wie stark die Verkehrsüberwachung auf Tempo konzentriert werden soll.
In einem immer komplexeren Verkehrssystem reicht es allerdings nicht, nur einzelne Verhaltensweisen zu kontrollieren. Sichere Infrastruktur, übersichtliche Kreuzungen, angepasste Geschwindigkeiten und die Rücksichtnahme aller Verkehrsteilnehmer gehören zusammen.

Die Strasse wird intelligent

Technik kann helfen, den vorhandenen Raum besser zu nutzen. Verkehrsleitsysteme analysieren Verkehrsströme, warnen vor Störungen und können Geschwindigkeiten harmonisieren. Intelligente Ampeln können den Verkehrsfluss berücksichtigen, digitale Systeme freie Parkplätze oder Ladepunkte anzeigen.
Auch die Fahrzeuge selbst werden zunehmend zu Datenquellen. Assistenzsysteme erkennen Hindernisse, bremsen automatisch oder warnen vor möglichen Kollisionen. Mit dem automatisierten Fahren kommt eine weitere Entwicklung hinzu. Sie könnte neue Möglichkeiten für Sicherheit und Verkehrsfluss schaffen, wirft aber auch Fragen nach Verantwortung, Infrastruktur und Daten auf.

Die Strasse muss Fehler verzeihen

Technik allein wird die Verkehrsprobleme nicht lösen. Menschen machen Fehler, Fahrzeuge bleiben liegen und Wetterbedingungen verändern die Situation. Eine robuste Infrastruktur muss deshalb so gestaltet sein, dass ein einzelner Fehler möglichst nicht sofort zu einem schweren Unfall oder einem grossen Verkehrsproblem führt.
Das gilt besonders für den Mischverkehr. Wo Auto, Lkw, Velo, E-Bike, Scooter und Fussgänger auf engem Raum zusammentreffen, müssen Verkehrsführung und Infrastruktur verständlich sein.

Mehr Verkehr auf derselben Fläche

Die grosse Herausforderung lautet deshalb nicht nur: Wie wird der Verkehr klimafreundlicher? Sie lautet auch: Wie bleibt er trotz wachsender Anforderungen leistungsfähig, sicher und bezahlbar?
Die Klimaziele setzen einen klaren Rahmen. Gleichzeitig werden Menschen weiterhin zur Arbeit fahren und Waren transportiert werden müssen. Die Verkehrswende wird deshalb mehr sein als der Wechsel vom Verbrennungsmotor zum Elektroantrieb. Sie wird eine Neuordnung des gesamten Systems erfordern – von der Strasse über Parkplätze und Ladeinfrastruktur bis zur Logistik.
Die entscheidende Frage wird sein, wie Klimaschutz, wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, Sicherheit und Mobilität auf begrenztem Raum miteinander funktionieren können. Denn die Strasse wird nicht verschwinden. Sie muss künftig lediglich mehr leisten – mit weniger Emissionen, mehr Verkehrsteilnehmern und möglichst ohne die Wirtschaft zu überfordern.

www.e-m-l.ch

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